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«The Last Supper»
2008, Franticek Klossner

Macht und Ohnmacht

Für seine Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn hat Franticek Klossner die 8-Kanal Videoinstallation Brot (2008) entwickelt, in der er sich auf das biblische, von der Kunst in allen Jahrhunderten immer neu interpretierten Motiv des "Letzten Abendmahls" bezieht. Den zwölf „Jüngern“ zur einen Seite setzt er jedoch zwölf „Jüngerinnen“ zur andern Seite gegenüber. Die acht Videoprojektionen erscheinen auf den Längswänden eines grossen Saals, in dessen Mitte sich eine leuchtend gelbe Tafel mit 24 Broten befindet. Aus Lautsprechern die in den Broten versteckt sind, erklingt ein babylonisches Stimmengewirr. Bei genauem Hinhören erkennen wir die charismatischen Reden von Che Guevara, Alexander Dubcek, John F. Kennedy, Hillary Clinton, Simon Wiesenthal, Papst Johannes Paul II, Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Ruth Dreifuss, Barack Obama u.a. Das Stimmengewirr im Ausstellungsraum wird kontrastiert vom ruhigen minimalistischen Geschehen in den Videos: Während die zwölf Männer das politisch aufgeladene Brot unablässig in sich hineinwürgen und daran fast zu ersticken drohen, sitzen die Frauen vor gefüllten Weingläsern und erzeugen darauf mit den Fingerspitzen sirenenhaft warnende Missklänge. Die Blicke der Frauen und der Männer sind direkt in die Kamera gerichtet, wodurch sich die Ausstellungsbesucher in der Raummitte in einem konstanten Kreuzfeuer von 24 jungen Augenpaaren befinden. Die fragenden, trotzigen oder beschwörenden Blicke der Protagonisten evozieren eine meditative sakrale Stimmung im Raum. Die Brote, aus deren Innern wir die hoffnungsvollen kämpferischen Worte der prominenten Rednerinnen und Redner hören, werden zur inkarnierten Metapher durchlebter Zeitgeschichte. Die Szenerie wirft viele Fragen auf. Hoffnung und Resignation, politische Vergangenheit und Zukunft werden in dieser Inszenierung als sehr physisch erlebbares Bild reflektiert. Das „Letzte Abendmahl“ ist eine weitere gesellschaftskritische Videoinstallation von Franticek Klossner, mit der er seine Werkreihe zur Thematik um Macht und Ohnmacht weiterführt. Frühere Arbeiten aus diesem politisch aufgeladenen Zyklus sind beispielsweise die interaktive Videoinstallation „Appell und Rapport“ (Neue Galerie Graz, 2003) sowie die Performance „Du sollst nicht töten? (Schweizerische Nationalbibliothek, 2006).

Manuel Rodriguez, UpOn 9/08

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